Samstag, 19. Januar 2013

Pastoral im Reich des Großen Vorsitzenden - Neues aus der Erzdiözese Freiburg:

Auf die Kirche!
Fertig!
Loooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooos!


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http://www.kath.net/detail.php?id=39755

 Eigentlich hätte ich es wissen müssen, aber spätestens nachdem die fast gefüllte Peter-und-Paul-Kirche zu Karlsruhe vom residierenden Stadtdekan per Mikrofon dazu animiert wurde auf sein Zurufen (Auf die Kirche! Fertig!) das "Los" zu brüllen, war mir klar, dass der heutige Tag nicht ohne ein gerüttelt Maß an Fremdschämen vorüberziehen würde. Nach diesem geistlich geistlosen Impuls machten sich die 230 Vertreter der sieben im Jahre 2015 zwangsfusionierten Gemeinden aus der Mitte und dem Westen Karlsruhe auf, um den Weg zu dieser Zwangskolchose zu "gestalten". Der Weg dazu war ein "offener Raum" (Open Space), der sich allerdings nachträglich als gar nicht so offen erweisen sollte. Zuerst einmal begann der zukünftige Hauptverantwortliche, ein Priester, der  mit Fleece, Sneakers und einem neckischen roten Halstuch bekleidet, eher den Eindruck erweckte er habe vor, einen Halbmarathon laufen, als der geistliche Hirte der zukünftigen Großgemeinde zu sein. Die Rede war auch entprechend (zweck)optimistisch gehalten und gipfelte in einer wahrhaft inspirierten Zukunftsvision der Gemeinde im Jahre 2018: Zum Pfarrfest einer Pfarrei kommen zwecks Verzehr von Steaks Vertreter einer anderen Pfarrei und können sich gar nicht mehr vorstellen, wie sie es nur damals in der ehemaligen Pfarrei ausgehalten haben. Selten durfte ich Zeuge einer derart tiefgehenden und überzeugenden Beschreibung wahrhaft kirchlichen Lebens sein! Mein Fremdschämen darüber ging nahtlos in selbiges über den abermals entfesselten "Los"-Brüller obigen Mottos über.
Der nächste Schritt beinhaltete die Themensuche für die vorgesehenen 48 Gruppen. Auch ich stellte zwei Themen vor: "Weitergabe des Glaubens" und "Gebet". Allerdings machte ich bei der Vorstellung einen entscheidenden Fehler: Ich gebrauchte inoffiziell indizierte Unwörter wie "Heiliger Vater" "Johannes Paul II." "Benedikt XVI." "Rosenkranz" "die Kirche (mit Artikel)" "Anbetung" "Neuevangelisation" und last but not least sogar das schreckenerregende Wort "KATHOLISCH". Ein weiterer Beitrag belehrte mich, dass es zwar nicht wirklich verboten war, selbiges zu verwenden, aber immer mit dem Zusatz versehen werden mußte: "in der eigentlichen griechischen Bedeutung allumfassend", womit aber letztlich "für alles offen" gemeint ist. Nach diesem Marathon (jetzt erst verstand ich auch den Grund für die Ausstattung des pastoralen Amtsträgers) von 48 Gruppenvorstellungen durfte sich jeder drei Gruppen anschließen. War in der ersten Gruppe, in die ich ging, noch ein relativ konstruktives Gespräch möglich, so war bei meiner zweiten Gruppe, deren Thema ich mit "Weitergabe des Glaubens" betitelt hatte, zuerst einmal das Missverständnis auszuräumen, dass in dieser Gruppe handfeste Tipps zu erwarten seien, entweder die eigenen Kinder "spirituell erwachen" zu lassen oder die anvertrauten Kinder "auf den Weg nach innen" zu führen. Erschreckend war die Diskrepanz oder eher schon Kongruenz zwischen der beklagten Unfähigkeit, das eine zu können, und der strikten Weigerung, in irgendeiner Weise auf die Kinder erzieherisch einzuwirken - alles natürlich unter dem Vorwand "nichts überstülpen zu wollen". Auch die vollige Verkennung des Glaubens als "etwas, das ich in meinem Innersten vorfinde", also religiöse Erfahrung als verschärfte Nabelschau fand ich doch sehr bedenklich. Das Konzept eines Gottes, der aus Liebe zu seinen Geschöpfen Mensch wird und sich als ansprechbares Du dem Menschen gegenüberstellt, war vielen in dieser Gruppe Neuland, wenn nicht gar vollkommmener Unsinn. "Wir glauben ja nicht mehr wie vor 100 Jahren" (als ob diese Dame tatsächlich wüßte, was die überzeitlichen Inhalte des katholischen Glaubens überhaupt wären) waren die diesbezüglichen Worte einer Teilnehmerin. Bei derartig haarsträubenden Aussagen frage ich mich immer nach der Herkunft solcher Vorstellungen. Wenn man vom allgemein gesellschaftlich weit verbreiteten esoterischen Egotripp einmal absieht, geht diese gnostische Irrlehre auch auf die Ausführungen des o.g. IronMan im pastoralen Dienst zurück, der immer wieder dazu auffordert, sich über die eigenen Glaubenserfahrungen auszutauschen und ohne zu werten voneinander zu lernen. Natürlich kann das richtig verstanden auch möglich sein, aber nicht in einem Kontext von Menschen, die ja selbst die Existenz Gottes leugnen, geschweige denn auch nur die geringste Ahnung vom katholischen Glauben haben.
Ein Lichtblick war die Arbeitsgruppe "Gebet", versammelten sich doch immerhin sieben der 230 Anwesenden zu diesem für die Mehrheit also ausgesprochen marginalen Thema. Hier entwickelten wir allerdings in kurzer Zeit von einer wunderbaren Einmütigkeit getragen viele praktikable Ideen für eine Optimierung und Erneuerung des Gebetslebens der Gemeinde wie Eucharistische Anbetung an jedem Tag in der Woche durch die sieben Gemeinden hindurch. Rosenkranz vor jedem Abendgottesdienst, Erweiterung des Stundengebets in den Gemeinden und intensive Einbeziehung der Alten, Bettlägerigen und Kranken in die Gebetsanliegen der Gemeinde und der Welt. Das hört sich vielleicht selbstverständlich an, ist es aber in diesen Gemeinden bisher nicht gewesen.
Nach der Vorstellung der Gruppen im Plenum bewerteten die Teilnehmer die einzelnen Gruppen und die 11, die im Ranking am besten abschnitten, werden in einer nächsten Veranstaltung weiter bearbeitet. Das Rennen machten dabei - o Wunder - die Themen, die am glaubensfernsten positioniert waren, so eben auch die AG "Lass die Seele Atem holen! Wann hast Du das letzte Mal nichts getan?"